Wiederholung versus RealitĂ€t – #paracovid

- ein Artikel von Viktor Gebhart -
Wiederholung als Allzweckwaffe

„Wer’s glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann“ – kein abwegiger Vergleich: Aus dem dunkelhĂ€utigen östlichen Nikolaus wurde der konsumschwangere Weihnachtsmann, rot-weiß ikonisiert fĂŒr Brause – ein weltweit dominantes Bild, entstanden durch konstantes Wiederholen. Fern der ursprĂŒnglichen RealitĂ€t, doch als historischer Fakt wahrgenommen.

Die Wiederholung macht’s! Mit jedem Mal steigen Akzeptanz und GlaubwĂŒrdigkeit des Wiederholten, unabhĂ€ngig von Wahrheitsgehalt und RealitĂ€t. Psychologie und Werbung wissen das. Politisch gilt Wiederholen seit jeher als unfehlbare Allzweckwaffe. Selten wurde ihr Abzug hĂ€ufiger betĂ€tigt als derzeit. Oft genug wiederholt stilisieren sich Fallzahlen zu TodesfĂ€llen, Geschwurbel zu Fakten.

Mit jedem Mal steigen Akzeptanz und GlaubwĂŒrdigkeit des Wiederholten, unabhĂ€ngig von Wahrheitsgehalt und RealitĂ€t.

Viktor Gebhart
Distanz um jeden Preis?

Social Distancing ist Norm. Ein unpassendes Wort fĂŒr rĂ€umliches Abstandhalten, aber ein ehrliches. Distanzieren scheint Volkssport. Wer will schon mit abstrusen Ansichten anderer in Verbindung gebracht, gar in einen Topf geworfen werden. So distanziert sich jeder von jedem, nur nicht vom Relevanten: der Angst. Denn diese frisst am Ende alle. Wie ein Bumerang holt sie auch die, die sie in Schwung brachten. Sie stellt immer das Ende, nie die Lösung.

Weniges fordert mehr Courage als Kurskorrektur und Kommunizieren. Das könnte der Gegenseite Aufwind bescheren. Doch Rechthaberei löst keine Probleme, hat sie nie. EingestÀndnisse sind Zeichen von StÀrke, nicht SchwÀche. Ein Wechselspiel: Etliche, die sich erst emotional ihre eigene RealitÀt erschwurbelten, werfen sich heute auf Statistiken. Viele, die sich anfÀnglich auf wissenschaftliche Fakten beriefen, ignorieren diese nun, greifen zu Emotionalem. Solange es der StÀrkung der eigenen und Diffamierung der anderen Seite dient, scheint alles recht, auch rechtlich und rechtsstaatlich Bedenkliches. Der Kampf der kleinen Leute versperrt die Sicht aufs Ganze.

Rechthaberei löst keine Probleme, hat sie nie. Der Kampf der kleinen Leute versperrt die Sicht aufs Ganze.

Viktor Gebhart
Demokratie ohne Schulterschluss

Demokratie muss verschiedene Meinungen ertragen – vom Schwurbel-Hunnenkönig zum Surveillance-Kanzler. Ohne Gutheißen und Schulterschluss. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch sich als politisches Wesen begreift, ob es schmeckt oder nicht. Sich als solches einbringt. Nicht nur, wenn es seinen Ansichten und der Distanzierung dient. Denn eine geschwĂ€chte Demokratie kann ihre SchwĂ€chsten nicht schĂŒtzen. Dieses Faktum erĂŒbrigt Wiederholungen.

Demokratie muss verschiedene Meinungen ertragen – vom Schwurbel-Hunnenkönig zum Surveillance-Kanzler. Ohne Gutheißen und Schulterschluss.

Viktor Gebhart

Dieser Artikel entstand im Zuge der sogenannten “Corona-Krise” auf Anfrage der Presse. Er erschien u.a. leicht abgeĂ€ndert Ende Dezember 2020 in der Mittelbayerischen Zeitung. Den zugehörigen Artikel finden Sie hier. Der im Titel verwendete Hashtag #paracovid ist eine Neuwortschöpfung des Autors, in Anlehnung an das Adjektiv “paranoid” und bietet aufgrund der verschiedenen weltsprachlichen Bedeutungen fĂŒr “para” weiteren Interpretationsspielraum.

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