Tierversuchung – Rede zu Tierversuchen in T├╝bingen

- eine Rede von Viktor Gebhart -
Versuch als Irrtum

Tierversuch. Tier. Versuch. Bei einem Versuch geht es um das Ausprobieren. Genauer um das Ausprobieren von mehreren M├Âglichkeiten. Versuch und Irrtum also. Auch hier in T├╝bingen liegen diese beiden W├Ârter ganz nah beieinander. Denn hier herrscht der weitverbreitete Irrtum, Versuche an Tieren seien notwendig und n├╝tzlich. Versuch als Irrtum also. Kein Ausprobieren mehrerer M├Âglichkeiten sondern das Verharren im Alten.

Dabei ist Versuch und Irrtum eine Methode, Probleme zu l├Âsen, indem mensch solange ausprobiert, bis die L├Âsung gefunden ist. Immer wieder halbverdursteten Affen das Hirn aufzubohren, sie vor einen Bildschirm zu hocken und mit Trinken f├╝r richtiges Verhalten zu belohnen, liefert keine relevanten Hirnforschungsergebnisse, die es nicht l├Ąngst weitaus besser und leichter in Untersuchungen mit Menschen g├Ąbe. Es werden keine L├Âsungen gesucht, nur Probleme geschaffen. Die Versuche sagen weniger etwas ├╝ber das Hirn der Affen aus als ├╝ber das der Forschenden. Wie verk├╝mmert m├╝ssen die f├╝r Emotionen und Mitgef├╝hl zust├Ąndigen Areale in ihrem Gehirn sein. Ich frage sie: Sch├Ąmt ihr euch nicht f├╝r derart hirnfreie Hirnforschung? Versuch und Irrtum ist bei vielen Tieren ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses. Ob die ungez├╝gelt Forschenden hier in T├╝bingen auch endlich mal dazulernen?

Die Versuche sagen weniger etwas ├╝ber das Hirn der Affen aus als ├╝ber das der Forschenden. Ich frage sie: Sch├Ąmt ihr euch nicht f├╝r derart hirnfreie Hirnforschung?

Viktor Gebhart

Versuche, Experimente. Sie sollen eine ÔÇ×Frage an die NaturÔÇť stellen. Was w├╝rde sie hier in T├╝bingen und in allen anderen Frankenstein-Laboren der Welt antworten? Was w├╝rde sie zur├╝ckfragen? Aus Ergebnissen von Experimenten sollen Erkenntnisse gewonnen werden, sie k├Ânnen gar Entdeckungen sein. Tierversuchsbedingte Entdeckungen sind rar ges├Ąt. Sinnfreie Grundlagenforschung an Affenhirnen liefert nur eine Erkenntnis. Dass die Experimentator_innen ihr Logik- und Empathiezentrum dringend wieder entdecken m├╝ssen. Denn sie wissen, was sie tun.

Versuchung

Versuche. VersuÔÇŽchung. Versuchung scheint ein so viel passenderes Wort. Versuchung ist per definitionem der starke Wunsch oder Anreiz, etwas zu tun, das mensch nicht tun sollte. Etwas, das reizvoll erscheint, jedoch unzweckm├Ą├čig ist, einer sozialen Norm widerspricht bzw. verboten ist. Wie passend. Woher der Wunsch und worin der Anreiz liegt, hier in T├╝bingen und anderswo Wehrlose zu verletzten, zu maltr├Ątieren und zu t├Âten, wissen wir und wissen die T├Ąter*innen selbst. Forschungsgeilheit, Profilneurose, Karrierewahn, Profitgier, Tradition, Gewohnheit und Machtstreben.

Die Anreize f├╝r Tierversuche? Forschungsgeilheit, Profilneurose, Karrierewahn, Profitgier, Tradition, Gewohnheit und Machtstreben.

Viktor Gebhart

Versuchung besteht aber auch darin, dem Forschungsdrang Glauben zu schenken und ihn gew├Ąhren zu lassen. Was so viele an so vielen Orten seit so langer Zeit tun, kann doch kaum falsch sein und schlie├člich wollen sie alle ja nur dem Menschen helfen. So die gesellschaftliche Hoffnung und Selbstt├Ąuschung. Marketingbem├╝hungen helfen. So wie die der ÔÇ×Allianz der WissenschaftsorganisationenÔÇť – eine schamfreie Lobbyinitiative, die mit einer bunt-fr├Âhlichen Homepage h├Âchst argumentationsarm und einseitig mittelalterliche Forschung promotet. Und dabei Affenversuche als ÔÇ×unverzichtbar f├╝r den medizinischen und wissenschaftlichen FortschrittÔÇť vermarkten will.

Lobby gegen Gewissen

“Vorw├Ąrts in die Vergangenheit” w├Ąre der Titel f├╝r den Film, den sie fahren. Doch sie f├╝hren Unwissende und Unsichere gekonnt in Versuchung. Die Verf├╝hrungsk├╝nste anderer spielen eine entscheidende Rolle. Anpreisen, Einsatz von Autorit├Ąt, Erzeugen von Angst, Drohung von VerlustÔÇŽall jene geh├Âren dazu. In Werbung, Marketing und Reklame ist Versuchung ein zentrales Thema. Grunds├Ątzlich und eben auch in Bezug auf Tierversuche. Welch Wunder daher, dass unter den Selbsterkl├Ąrten der ÔÇ×Allianz der WissenschaftsorganisationenÔÇť auch der Name “Max-Planck” kein Fremder ist.

Versuchung. Die durch Versuchung begangenen Handlungen k├Ânnen anschlie├čend Reue und Schuldgef├╝hle ausl├Âsen. So der definitorische Wortlaut. Plagt euch euer Gewissen so sehr, dass ihr es mit bunt-fr├Âhlichen Lobby-Homepages umschmeicheln m├╝sst? Braucht ihr die gebetsm├╝hlenartigen Erkl├Ąrungsversuche nicht vielleicht selbst viel mehr als die Leute, denen ihr sie anpreisen wollt? Habt ihr denn nie Frankenstein gelesen und wisst, wohin falscher Ehrgeiz und blinder Enthusiasmus f├╝hren k├Ânnen? Eine Frage, die auch wir uns stellen m├╝ssen. Wir, die wir f├╝r Tiere und ihre Rechte k├Ąmpfen. Denn auch wir m├╝ssen vor der eigenen Haust├╝re kehren.

Habt ihr denn nie Frankenstein gelesen und wisst, wohin falscher Ehrgeiz und blinder Enthusiasmus f├╝hren k├Ânnen?

Viktor Gebhart
Szene-Inzest & Appell

Viel zu oft geben wir uns der Versuchung hin, das zu tun, was wir immer tun statt neue Wege zu beschreiten. Tun wir das, was andere von uns erwarten statt das, was essentiell w├Ąre. Ertrinkt die Ratio in der Emotio statt beide gemeinsam sinnvoll fruchten zu lassen. Vergessen wir ob der nichtmenschlichen Tiere die menschlichen Tiere. Unsere Menschlichkeit. Auch untereinander.

Wir werden nie Erfolge zeitigen, wenn wir uns selbst und gegenseitig im Weg stehen. Wenn wir uns gegeneinander stellen statt in Hand in Hand nebeneinander zu stehen. Gleichgesinnt mit allen Gleichdenkenden und -f├╝hlenden, aber ohne Schulterschluss mit allen. Denn ein unreflektiertes ÔÇ×Hauptsache f├╝r die TiereÔÇť darf es nicht geben. Niemals.

Dies soll auch ein Appell sein. Ein Appell an alle, die vergessen haben, warum wir heute hier stehen. An all jene, deren Ego ihnen und uns allen im Weg steht ÔÇô bewusst oder unbewusst, vors├Ątzlich oder unabsichtlich. An all jene, die es gut meinen, aber damit nicht immer Gutes tun. Die nur reagieren statt zu agieren. Die sich und die interne Szene bespielen statt Externe aufzukl├Ąren. Die sich in Scharen vordr├Ąngen und dabei den Unwissenden die Sicht versperren. An all jene, die interne Grabenk├Ąmpfe austragen statt Aufkl├Ąrungssamen in die Welt zu streuen. An all jene, die als Vierte Gossip ├╝ber Dritte an F├╝nfte tragen und Fl├╝sterpost spielen statt Wissen zu verbreiten. An all jene, die Neid sch├╝ren statt mit eigenen Taten zu helfen.

Dies soll auch ein Appell an all jene sein, deren Ego ihnen und uns allen im Weg steht ÔÇô bewusst oder unbewusst, vors├Ątzlich oder unabsichtlich. An all jene, die es gut meinen, aber damit nicht immer Gutes tun.

Viktor Gebhart
Was ist das Ziel?

Fokus. Wir m├╝ssen das Ziel vor Augen haben. Das Ziel ist ein Ende des Tierausbeutungssystems und im konkreten Fall von Tierversuchen. Um dieses Ziel zu erreichen, m├╝ssen wir jene erreichen, die das System weiter dulden. Wir k├Ânnen uns ein um das andere Mal zu hunderten, zu tausenden in einer Runde sammeln und uns selbst beweihr├Ąuchern, uns gegenseitig zuh├Âren bei all dem, was wir eh schon wissen, aber viel zu viele da drau├čen noch nicht. Diese Abertausenden m├╝ssen wir an unsere Seite holen und mit ihnen jene wenigen unter Druck setzen, die das System am Leben halten wollen, um Ruhm und Profit aus ihm zu schlagen. Warum sollten Wirtschaft und Politik uns f├╝rchten, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen? Uns den niedersten Trieben hingeben und somit vielleicht anders, aber nicht viel besser sind als jene, deren Verhalten wir auch heute hier anprangern wollen.

Warum sollten Wirtschaft und Politik uns f├╝rchten, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen?

Viktor Gebhart

Wir m├╝ssen eine Einheit sein. Nur dann sind wir stark f├╝r die Schwachen. Nur dann k├Ânnen wir laut genug die Stimme f├╝r die Stimmlosen sein. Nur dannÔÇŽUnd nur dann werden wir Tierversuche beenden. Lasst es uns anpacken! Ich danke euch.

Dieser Redebeitrag wurde am 18. Dezember 2016 in T├╝bingen auf der 7. Gro├čdemo gegen Tierversuche von Soko Tierschutz gehalten. ┬ę Foto: Christian Adam.

P.S.: Wissen ist nur Macht, wenn wir es anwenden und mit anderen teilen: