Der Neo-Neandertaler & sein Pelz – Rede zum Trend

- eine Rede von Viktor Gebhart -
Der Mensch, das distanzierte Tier

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte versucht der Mensch mit allen Mitteln, die Natur zu ĂŒberwinden und alles “Tierische” in sich loszuwerden. Er sieht sich gerne als “zivilisiertes” Wesen und alle anderen Tiere als “primitive” Kreaturen, die rein instinktiv handeln. Er ist stolz, auf all das, was er “erreicht” hat. Denn er macht sein GeschĂ€ft nicht mehr in den Busch, schlĂ€gt nicht mehr non-stop mit der Keule um sich und hat gelernt, sich einigermaßen deutlich zu artikulieren – auch wenn der Trend rĂŒcklĂ€ufig scheint.

Er fĂŒhlt sich erhaben ĂŒber die einfache Natur. Er hat seine primitiven BedĂŒrfnisse unter Kontrolle gebracht und hat sich somit Platz geschaffen, sein Handeln aktiv selbst zu bestimmen statt nur seinen Trieben zu folgen. Er setzt nicht auf Anpassung wie alle anderen Tiere sondern auf Distanzierung. Er hat sich vom tĂ€glichen BedĂŒrfnisdruck gelöst und sich somit befreit. Er ist nicht mehr an die Natur gebunden. Er ist dadurch weltoffen geworden. Er kann sich Dingen widmen, die vorher nie möglich gewesen wĂ€ren. Er kann mit höchster KreativitĂ€t Dinge erschaffen. Aber auch mit prĂ€zisester BrutalitĂ€t Dinge vernichten.

Der Mensch kann mit höchster KreativitÀt Dinge erschaffen. Aber auch mit prÀzisester BrutalitÀt Dinge vernichten.

Viktor Gebhart
Herdentier & Triebsteuerung

Er ist weit gekommen. Aus Sicht einer parasitĂ€ren Lebensform. Die Erde ist sein Wirt. Dass er sie und alle darauf befindlichen Erdlinge ausbeutet, liegt in seiner „Natur“ – so scheint es. Er zelebriert IndividualitĂ€t und ist doch konform mit der Masse – ein stupides Herdentier, das sich mit zig anderen am hintersten U-Bahn-Eingang reinquetscht, wĂ€hrend die anderen EingĂ€nge frei sind. Das gemeinsam minutenlang an einer roten Ampel steht, obwohl kilometerweit kein Auto in Sicht ist. Das sich an einem Strandabschnitt dicht nebst anderen in der Sonne suhlt, wĂ€hrend der Rest des Strands leer ist. Der Mensch folgt unentwegt einfachsten primitiven Instinkten. Das entlastet das konstant dauerĂŒberflutete Hirn.

Mitten im Informationszeitalter schaltet er immer wieder auf uninformiert und frohlockt dem Reptiliengehirn. WĂ€hrend er sich ansonsten zunehmend moralisch hochgebildet gibt, greift er bei der ersten kĂŒhlen Brise zur Kleidung der weitentfernten Verwandten aus der Eiszeit. Er trĂ€gt wieder gerne Pelz. Er trĂ€gt wieder Tod. Hier ist es ihm plötzlich nicht mehr wichtig, sich evolviert zu geben. Der Neo-Neandertaler fĂ€hrt seinen ganz eigenen Film. Sein Titel: “VorwĂ€rts in die Vergangenheit”.

WĂ€hrend er sich ansonsten zunehmend moralisch hochgebildet gibt, greift der Mensch bei der ersten kĂŒhlen Brise zur Kleidung der weitentfernten Verwandten aus der Eiszeit.

Viktor Gebhart
Aufmerksamkeit um jeden Preis

Vor zehntausenden Jahren diente Pelz als lebensnotwendiger Schutz vor der eisigen KĂ€lte – eine Notwendigkeit, dem primitiven Überlebenstrieb gerecht zu werden. Heute scheint unser Überleben gesichert, wir sind ĂŒbersatt und so sicher, dass wir uns konstant kĂŒnstlich verĂ€ngstigen. Dem Neo-Neandertaler dient Pelz heute als pure Zierde. Es geht darum, der bunteste Pfau der Herde zu sein, ohne selbst viel dafĂŒr tun zu mĂŒssen. Sich mit fremden Federn oder besser fremdem Fell zu schmĂŒcken ist allemal leichter als an sich selbst zu arbeiten. Der Neo-Neandertaler frönt seinem Trieb nach Aufmerksamkeit. Er will gesehen werden. Um jeden Preis. Doch der Preis ist hoch.

Noch immer sterben jĂ€hrlich Millionen Tiere fĂŒr Pelz und PelzbesĂ€tze. FĂŒchse, WaschbĂ€ren, Kaninchen, aber auch Hunde und Katzen. Erschlagen, erstickt, vergast, lebendig gehĂ€utet. Pelz wĂ€chst nicht auf BĂ€umen! Das Business boomt, die Pelz”industrie” macht ein MordsgeschĂ€ft mit dem blutigen MordgeschĂ€ft. Bommel, Kragen, Verzierungen – fĂŒr nur wenig Geld ist Echtpelz sogar in RamschlĂ€den zu finden, ohne dass Echtpelz auf dem Etikett stehen muss.

Es ist schockierend, wie uninformiert die Masse durchs Leben schreitet und blind irgendwelchen Trends folgt. Den Tieren wird bei vollem Bewusstsein das Fell vom Leib gezogen, ihre blutigen Körper auf einem Haufen zusammengeworfen, wo sie grausam unter qualvollsten Schmerzen verenden. Was soll daran auch nur annĂ€hernd “cool” und “stylisch” sein?

Es ist schockierend, wie uninformiert die Masse durchs Leben schreitet und blind irgendwelchen Trends folgt.

Viktor Gebhart
Großer Macht folgt große Verantwortung

Nie zuvor wurde derart viel Pelz verkauft wie heute. Das Leid der Tiere ist unvorstellbar. Dem Tier Mensch scheint es egal. Doch es gibt Hoffnung. Wie anfangs erwĂ€hnt: Der Mensch ist ein Tier der besonderen GegensĂ€tze. Er kann alles sein und das weitaus extremer als alle anderen Tiere. Ein brutales egoistisches Wesen, ein Parasit. Aber eben auch ein Symbiont, der mit seiner Erde in Symbiose lebt und Verantwortung ĂŒbernehmen kann.

Er kann sich um die Robbe in der Antarktis sorgen, die er nie live gesehen hat. Die Robbe kann das nicht, sie ist an ihre jeweilige Situation gebunden, voll beschĂ€ftigt damit, zu ĂŒberleben. So böse der Mensch sein kann, so gut kann er sein. Denn das MitgefĂŒhl und die Moral liegen ebenso in seiner Natur. Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Zeit, dass der Mensch sie ĂŒbernimmt und dem Echtpelz fĂŒr immer abschwört!

So böse der Mensch sein kann, so gut kann er sein. Denn das MitgefĂŒhl und die Moral liegen ebenso in seiner Natur. Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Zeit, dass der Mensch sie ĂŒbernimmt und dem Echtpelz fĂŒr immer abschwört!

Viktor Gebhart

Also lasst uns heute gemeinsam die Menschen wachrĂŒtteln! Lasst sie uns zur guten Seite der Macht ziehen! Denn Mitleid ist nicht genug!

Dieser Redebeitrag wurde am 21. Oktober 2017 in ZĂŒrich auf der 1. großen Anti-Pelz-Demo gehalten. Er erschien darĂŒberhinaus u.a. leicht abgeĂ€ndert in der Mittelbayerischen Zeitung. Den zugehörigen Artikel finden Sie hier. © Foto: Fighting for animals.photography.

P.S.: Wissen ist nur Macht, wenn wir es anwenden und mit anderen teilen: